THW Kiel verliert Spitzenspiel in Szeged

Der Abschied aus dem EHF-Champions-League-Jahr 2021 war für den THW Kiel kein guter Abend: Bei der 26:30 (13:19)-Niederlage beim ungarischen Meister Pick Szeged haderten die Kieler mit ihrer zu hohen Fehlerquote vor 8300 tobenden Fans in der neuen Pick-Arena - und auch ein bisschen mit dem fehlenden Glück in den Entscheidungen. So feierte der ungarische Titelträger im zwölften Aufeinandertreffen beider Teams seinen vierten Sieg - alle vor eigenem Publikum - schob sich in der Tabelle der Gruppe A an den Kielern vorbei auf Rang drei hinter Montpellier und Aalborg. 

ZEBRAS VERPASSEN BESSERE AUSGANGSPOSITION

Rune Dahmke traf zweimal

Sicher ist nur: Die Zebras verpassten in Ungarn den erhofften Sieg und eine gute Chance auf eine bessere Ausgangsposition für die verbleibenden vier Vorrundenspiele im kommenden Jahr. Harald Reinkind und Niclas Ekberg waren mit je fünf Toren beste Kieler Schützen, im Tor überzeugte Niklas Landin vor allem in der ersten Halbzeit und in den letzten 15 Minuten, als er seinen Kasten nahezu komplett zunagelte. Überragender Spieler bei den Ungarn war Kreisläufer-Riese Bence Banhidi, der sechsmal erfolgreich war und zum "man oft he match" gekürt wurde. Starke Szenen hatte zudem Roland Mikler im Tor von Pick Szeged. "Wir haben ein perfektes Match erlebt", sagte Szegeds slowenischer Spielmacher Dean Bombac. "Unser Dank geht an das tolle Publikum, das gegen die große Kieler Mannschaft eine super Show erlebt hat."

PREMIERE IN DER PICK ARENA

Schmuckstück: der neue Pick-Szeged-Hexenkessel

Für beide Mannschaften war dieses Spiel eine Premiere in der neuen "Pick Arena", die nach nicht einmal 24 Monaten Bauzeit so kurz vor dem "Spiel der Woche" in der EHF Champions League fertiggestellt wurde, dass auch die Szegediner Handballer nicht in ihr trainieren konnten. Die offizielle Eröffnungszeremonie fand weit vor Anpfiff statt, das berühmte Ballett der Stadt tanzte zu den Klängen des Philharmonischen Orchesters - ein eindrucksvoller Start in diesen letzten Königsklassen-Abend im Jahr 2021, der seinen akustischen Höhepunkt allerdings in den folgenden 60 Handball-Minuten erlebte: 8300 Fans entfachten unter dem neuen Arena-Dach einen ohrenbetäubenden Hexenkessel.  

KIELER STARTEN MIT FEHLERN

Und die ungarischen Anhänger hatten vor allem in den ersten 30 Minuten ihren Spaß, es waren schwere Minuten für den Deutschen Meister, der nach Glanzparade von Niklas Landin gegen Rechtsaußen Sostaric zwar durch den Rückraum-Kracher von Sander Sagosen schnell 1:0 führte, dann aber Fehler machte und durch den 4:0-Lauf der enthusiastisch gefeierten Einheimischen nach acht Minuten mit 1:4 zurücklag. Landin glänzte dann erneut gegen Tönnesen und Bombac, Rune Dahmke und Harald Reinkind brachten die Kieler auf 3:4 heran. Der erneute 3:0-Lauf von Pick auf 7:3 ließ Trainer Filip Jicha zur Grünen Karte greifen.

SZEGED ENTEILT

Die Kieler hatten Probleme mit der harten Szeged-Abwehr

"Ich möchte, dass wir konsequent unser Spiel durchziehen, zeigen, dass wir gewinnen wollen", forderte Kiels Coach. Der Einläufer mit gelungenem Abschluss von Niclas Ekberg und Sander Sagosens Rückraumtreffer war die Antwort der Mannschaft, die Zebras hatten sich wieder herangekämpft. Im wahrsten Sinn des Wortes übrigens. Denn die beinharte Szeged-Abwehr griff oft zu unfeinen Mitteln. Weinhold, Sagosen oder Wiencek traf’s nacheinander im Gesicht, ohne dass die Unparteiischen eingriffen. Einschüchtern ließen sich die Spieler des Rekordmeisters indes nicht, zweimal Steffen Weinhold, der sich energisch gegen die Pick-Abwehrriesen zur Wehr und durchsetzte, Hendrik Pekeler nach Tempogegenstoß, Rune Dahmke und Niclas Ekberg sorgten bis zum 13:15 in der 27. Minute, dass der Geräuschpegel in der neuen Arena zwischenzeitlich gegen Null tendierte. Doch bis zur Pause leisteten sich die Zebras zum Teil haarsträubende Fehler - diese ließen die Ungarn in den letzten drei Minuten der ersten Hälfte auf 19:13 enteilen. 

KIELER KÄMPFEN SICH HERAN

Auch Steffen Weinhold bekam die harte Gangart der Gastgeber zu spüren

Harald Reinkind eröffnete den Torreigen der zweiten Halbzeit mit seinem Knaller aus neun Metern, Mikler war beim 14:19 chancenlos. Die Kieler warfen in der Folge alles in die Waagschale, waren in der 36. Minute durch den Stemmer von Steffen Weinhold beim 17:21 wieder auf Tuchfühlung. Doch näher rückten die Zebras den Gastgebern nicht auf die Pelle. Auch, weil Mikler seine Hände im Spiel hatte, aber auch, weil den Zebras im Angriff die letzte Konsequenz fehlte. Und auch ein bisschen Glück, denn hinzu kamen einige fragwürdige Entscheidungen wie die Zeitstrafe gegen Weinhold, der im Getümmel auf den Unterschenkel von Bombac fiel - und auf die Bank geschickt wurde.

BESSERES ENDE FÜR SZEGED

Gut, dass die Zebras die Ruhe bewahrten, weiter bis zum Schluss um jeden Ball kämpften. Allerdings ließen sie durch Magnus Landin und Harald Reinkind auch zwei klare Chancen ungenutzt, die den THW Kiel zwischen der 50. und 55. Minute bei einem Vier-Tore-Rückstand und einem seinen Kasten zunagelnden Niklas Landin leider einen noch größeren Druck für die Gastgeber verhinderten. Diese feierten mit ihrem Anhang einen verdienten Sieg, während die Kieler in den weitläufigen Katakomben verschwanden und sich über eine nicht genutzte Möglichkeit ärgerten.

SONNTAG GEGEN DIE RHEIN-NECKAR LÖWEN

Für die Zebras endet die letztes Königsklassen-Reise im Jahr 2021 erst am Freitagnachmittag im Trainingszentrum in Altenholz: Nach der gut zweieinhalb-stündigen Busfahrt von Szeged nach Budapest und dem Rückflug nach Kiel beginnt dort mit einer Trainingseinheit die Vorbereitung auf das Topspiel der LIQUI MOLY Handball-Bundesliga am kommenden Sonntag: Um 14 Uhr empfangen die Zebras die Rhein-Neckar Löwen zum Duell in der Wunderino Arena, in der noch einmal nach der aktuell gültigen Corona-Bekämpfungsverordnung bis zu 9.000 Zuschauer den THW Kiel unterstützen können. Weiter geht's gegen die Löwen, Kiel! 

Text: Reimer Plöhn / Fotos: Eliza Sólya

EHF CHAMPIONS LEAGUE, 10. SPIELTAG: PICK SZEGED - THW KIEL: 30:26 (19:13)

Pick Szeged: Mikler (1.-60., 11 Paraden), Alilovic (n.e.); Tönnesen (1), Bodo (1), Martins, Henigmann (1), Radivojevic (4/4), Gaber (1), Sostaric (3), Frimmel, Banhidi (7), Garciandia (4), Bombac (2), Rosta, Mackovsek (5), Blonz; Trainer: Pastor
THW Kiel: N. Landin (1.-37., 46.-60., 10/1 Paraden), Quenstedt (37.-46., keine Parade); Ehrig (n.e.), Duvnjak (2), Sagosen (4), Reinkind (5), M. Landin (1), Weinhold (3), Wiencek (2), Ekberg (5/1), Ciudad (n.e.), Dahmke (2) Zarabec, Horak, Bilyk (1), Pekeler (1); Trainer: Jicha

Schiedsrichter: Slave Nikolov / Gjorgji Nachevski (MKD)
Zeitstrafen: Szeged: 2 (2x Gaber (24., 43.)) / THW: 3 (Wiencek (3.), Weinhold (54.), Sagosen (57.))
Siebenmeter: Szeged: 5/4 (Landin hält Radivojevic (57.)) / THW: 2/1 (Ekberg überweg (60.))
Spielfilm: 0:1, 4:1 (7.), 4:3 (9.), 7:3 (12.), 7:5, 10:7 (18.), 12:9, 12:11 (22.), 15:11 (25.), 15:13 (27.), 19:13;
20:14, 20:16 (35.), 23:19 (38.), 25:19 (42.), 27:21 (45.), 28:22, 28:24 (51.), 29:25 (55.), 30:26.
Zuschauer: 8.300 (ausverkauft) (Pick Arena, Szeged (HUN))

STIMMEN ZUM SPIEL:

Szegeds Trainer Juan Carlos Pastor: Danke an alle, die die uns diese Halle ermöglicht haben. Und danke auch an alle Zuschauer, die diesen Tag mit uns gefeiert haben. Meine Spieler sind sehr stolz, danke für diesen Sieg. Es war ein schwieriges Spiel für uns mit einem großen Druck und noch größeren Erwartungen. Es war daher wichtig, dass wir gleich mit einigen Toren wegziehen konnten. Unsere Abwehr war hierfür entscheidend, wir haben auch gut gegen den siebten Feldspieler verteidigt. Vorentscheid war, dass wir in Unterzahl zweimal den Ball klauen konnten, sodass wir eine Sechs-Tore-Führung mit in die Pause nehmen konnten. In der zweiten Halbzeit haben wir ein bisschen mit dem Resultat gespielt, was gefährlich sein kann, vor allem gegen eine der besten Mannschaften der Welt. Aber wir standen weiter gut in der Verteidigung und haben vorn die wichtigen Tore erzielt. Das war ein wichtiger Schritt nach vorn für uns an einem historischen Tag.

THW-Trainer Filip Jicha: Es war eine große Ehre für uns, heute das Eröffnungsspiel in dieser schönen Arena bestreiten zu dürfen. Göückwunsch an Pick Szeged, die Stadt Szeged und den ungarischen Handball zu dieser fantastischen Arena, ich als Handball-Fan würde mir noch mehr dieser Hallen wünschen. Zum Spiel: Glückwunsch an Carlos und Pick Szeged. Wir hatten etwas vorbereitet, um gegen diese harte Abwehr von Pick Szeged erfolgreich zu sein. Wir haben uns Möglichkeiten erarbeitet, aber diese nicht genutzt. Und dann ist Szeged ins Rollen gekommen. In der ersten Halbzeit waren die Gastgeber uns immer einen Schritt voraus. Auch, weil wir eine Vielzahl an technischer Fehler produziert haben. Wenn Du solch ein Spiel gegen solch einen Gegner gewinnen willst, musst Du bereit sein und auf dem höchsten Level spielen. Das haben wir heute nicht geschafft. Es ist eine harte Niederlage, aber wir müssen weiter machen, uns weiter verbessern.

THW-Rückraumspieler Nikola Bilyk: Wir waren richtig motiviert für dieses große Spiel. Aber unglücklicherweise sind wir nicht auf das Niveau gekommen, das man gegen solch einen Gegner braucht. Szeged hat in Abwehr und Angriff wirklich clever gespielt. Und immer, wenn wir die Chance hatten, heranzukommen, haben wir diese ausgelassen. Das wurde hart von Szeged bestraft. Glückwunsch auch zur neuen Arena. Es war auch für uns Spieler großartig, in dieser Halle zu spielen.

Szegeds Kreisläuder Bence Banhidi: Das war ein Spiel, an das ich mich immer erinnern werde. Ich habe noch nie vor solch einer Kulisse gespielt. Wir sind so super gestartet, wie wir es eigentlich immer tun sollten. So konnten wir uns im ersten Durchgang eine komfortable Führung herausspielen, und in der zweiten Halbzeit haben wir sehr clever gespielt. 

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